Wie kommt die Kunst in den Alltag?

„Wie kommt die Kunst in den Alltag?“
– Erfahrungen im Mosaikbau (Text von 1990) –

Das Bauen eines Mosaiks beginnt eigentlich immer lange, bevor der erste ausgewählte Stein in das vorbereitete Sandbett gesetzt wird – es beginnt dann, wenn wir anfangen, zu sammeln, wenn wir uns erlauben, Kind zu sein, mit der Offenheit, der Begeisterung und der Hingabe des Kindes dem Material Beachtung schenken.

Aufmerksamkeit ist ein Weg, sich mit der Materie zu verbinden und sobald wir uns mit der Idee befassen, ein Mosaik zu bauen, wird mit gesteigerter Aufmerksamkeit plötzlich alles wahrgenommen, was mit Steinen zu tun hat: Ziegel- oder Natursteinmauern, Kopfsteinpflaster, Kiesbänke, Steinhaufen auf Baustellen, Schotter auf Waldwegen, Steinbrüche etc. – wo gibt es welche Steine, wie ist die Umgebung beschaffen, in welchen Zusammenhängen sind sie zu finden und was gibt es noch für Materialien: Fundstücke – rostiges Eisen, Baumpilze, Scherben, Glas …

Schon in der Auswahl des Materials zeigen sich individuelle Neigungen und Wünsche, egal, ob wir schon im Hinblick auf eine bestimmte Vorstellung sammeln, oder einfach nur aus Freude an der unendlichen Vielfalt. Durch diese erste, intensive Erfahrung wird lange vor der ersten Vorstellung allmählich die Wahrnehmung intensiviert (ein Braun differenziert sich, rot-braun, siena, umbra, ein runder Stein ist oval, glatt, geädert). Das Beobachten von Strukturen, Formen und Farben verändert sich, sie werden bewusster wahrgenommen, fallen auf und bringen uns auf neue Ideen. Die Aufmerksamkeit für das Material macht uns empfindsamer, es kommt zu einer Begegnung mit dem Ich: Ich sehe, ich taste, ich erlebe „die Wahrheit durch die Sinne“.

Aufmerksamkeit und Intensität führen oft zu mehr Klarheit. Diese Klarheit ist sehr hilfreich, wenn es darum geht, nun das gesammelte Chaos zu sortieren, die Sinne sind geübter, der Blick „schärfer“, es fällt leichter, eine Ordnung zu schaffen. Sammeln und sortieren wie im Kinderspiel bedeutet, sich verbinden mit dem Material, heißt, aus der Begegnung eine Beziehung aufzubauen, aus der Vielfalt eine Ordnung zu schaffen, auf die wir dann bewusst zurückgreifen können, wenn wir etwas suchen, was wir brauchen, was unser Bild braucht.

Mit dem nächsten Schritt – dem ersten planvollen – wird ein Prozess eingeleitet, der wie ein Abenteuer vor uns liegt. Das Sandbett ist vorbereitet, eine leere Fläche vor uns, Vielfalt und Fülle drum herum. Mir kommen Worte in den Sinn:

„Geben sie sich die Erlaubnis, Anfänger zu sein, Anfänger zu sein ist immer das beste Gebet für einen Künstler, die Bescheidenheit und Offenheit des Anfängers führen zum Erforschen der Materie, die Erforschung führt zur Ausführung, alles beginnt am Anfang, mit dem ersten ängstlichen Schritt.“ (Julia Cameron, Regisseurin)

Es gibt da eine Vorstellung, eine Ahnung, einen Keim von einem Bild, das entstehen will, und mit dem ersten Stein beginnt etwas zu wachsen. Die Neugier treibt mich, Dinge zueinander in Beziehung zu setzen, die aus einem bestimmten Zusammenhang kommen, nun als Einzelstücke vor mir liegen. Es gibt einige besondere Stücke, die unbedingt in das „Bild“ hinein sollen, die ihren Platz in der Vorstellung bereits haben. Aber es zeigt sich, daß es nicht möglich ist, mit diesen starken Einzelstücken ein sinnvolles Mosaik zu legen – sie nehmen sich gegenseitig den Glanz. Es braucht nun Material, das unscheinbar ist und unendlich wichtig zugleich, das den Rahmen bildet, dazwischen liegt – und so entstehen erste kleine Gruppen, vereinzelt und ohne Verbindung miteinander. Ich probiere aus, nehme einen Stein und betrachte ihn. Er liegt in der Hand, als Einzelstück, in seiner Form, Farbe, und Beschaffenheit unverwechselbar, er wird von mir ausgewählt, ich führe ihn in neue Situationen, bringe ihn in Zusammenhang mit anderen Steinen und Materialien und schaue, wo was passiert. Wo wirkt er wie, immer aufgefordert, den Umkreis zu betrachten, das Oben, das Unten das Daneben, nach seiner Bestimmung suchend: Ist er ein Randstück, ein Mittelpunkt, Treppe, soll er Ergänzung sein, Steigerung, Gegensatz, Basis, Ruhepunkt? Was bedeutet es für das Ganze, wenn da ein Edelstein sitzt, ein Sandstein, ein Granit oder Kiesel – eine Versteinerung, ein rostiges Teil, das schon fast wieder Stein geworden ist?

Wir haben uns mit dem Material verbunden, wir sind eingetaucht – aber der Reichtum, die Fülle ist überwältigend, das Entscheiden fällt uns schwer. Die alte Vorstellung lässt sich vielleicht nicht mehr halten, das neue Bild ist noch nicht greifbar. Aufkommende Zweifel könnten uns leicht dazu bringen, den Prozess aufzugeben, wir fühlen uns wie im Auf- und Durchsteigen mancher Lebenssituationen – mal ist das Vorankommen zügig (das Richtige fällt ins Auge, findet seinen Platz), mal zögernd, ja, stagnierend, dann schießt es wieder vor, fast atemlos hastend. Wir fühlen uns selbst wie das Material, klein oder groß, jung oder alt, farbig oder grau, rostig, matt, oder leuchtend, porös glatt, farbig, durchschimmernd, zerbrechlich, hart, glitzernd – immer nach der Bestimmung oder Aufgabe oder Lösung suchend.

Wir haben die Dinge aus ihrem alten Zusammenhang gelöst, sie auseinander genommen, aufgebrochen, sie untersucht, sie nach Farbe, Form oder Struktur sortiert – und sind von Teilen und Fragmenten umgeben – wie sollen wir jetzt das Wesentliche vom Unwesentlichen unterscheiden?

Die Kunst des schöpferischen Prozesses liegt nun darin, aus der Fülle zu „schöpfen“, es ist die Kunst des Aufbauens und Zusammenfügens. Wie eine Erlösung kommt uns nun die Erinnerung an den Anfang: Das Spiel, wieder Anfänger sein zu dürfen, die Chance, im Spiel auszuprobieren und zu erleben, alles was ich tue, kann ich jederzeit wieder verändern, herausnehmen; sich erlauben, etwas zu er-finden und auch falsch zu machen – mit Begeisterung. An dieser Stelle des Prozesses können wir erleben, wie das Bemühen um künstlerische Gestaltung auch in der Bewältigung alltäglicher Lebenssituationen eine Hilfe werden kann: Indem wir die Folgen einer Handlung sichtbar machen, zurücktreten, betrachten, reflektieren: Ist es das, was ich ausdrücken wollte? In diesem Schöpfungsprozess beginnen wir, uns Fähigkeiten zu erwerben:

  • aus Altem etwas Neues schaffen, indem wir es neu betrachten und in neue Zusammenhänge führen
  • das Nebeneinander in ein Miteinander zu verwandeln, indem wir Zusammenhänge suchen
  • neue Beziehungen er-finden, indem wir es wagen, Gegensätzliches zu kombinieren
  • Zufälle und Anregungen aufgreifen und bewusst daran arbeiten, indem wir mit Bescheidenheit und Offenheit zuhören und erleben, dass das Material eine eigene ausdrucksvolle, vielfältige Sprache besitzt und es von Nutzen sein kann den eigenen Gestaltungswillen zurückzunehmen.

Besonders wertvoll sind in diesem „Schöpfungsprozess“ auch die Erfahrungen in einer Gruppe (Mosaikkurse). „Ich sehe was, was du nicht siehst“; in diesem Kinderspiel, die eigene Beschränktheit in der Wahrnehmung zu erleben und zu erkennen, daß es eine enorme Bereicherung sein kann, die Wahrnehmung des Anderen, soweit das möglich ist, sich zu Eigen zu machen, daß jede Veränderung im „eigenen Geschmack“, in der eigenen Wahrnehmung zu einer Veränderung im Selbstausdruck führt, was letztlich im Bild, im Werkstück sichtbar wird. Jeder bringt mit seiner Persönlichkeit eine neue Variante ins Spiel – und jeder hat die Freiheit, zu entscheiden, ob es für das eigene Werkstück eine sinnvolle Ergänzung ist oder nicht – aber immer ist es eine Erweiterung!

Wenn wir dann das Mosaik endlich vor uns liegen haben – vielleicht mit der Einsicht: „Das Bild ist nie fertig, es endet einfach an einem interessanten Punkt“, sind wir beim letzten Schritt angekommen, dem Umsetzen in Zement. Es liegt also das fertige, in Sand gesetzte Werkstück da und wieder eine leere Fläche, das vorbereitete Zementbett, die Fülle drum herum hat sich gelichtet und das bereits Geschaffene muss noch einmal Stück für Stück umgesetzt werden. Die Erfahrung hat gezeigt, daß dieser Prozess noch einmal eine besondere Art von Konzentration, Flexibilität und der Fähigkeit, „loszulassen“, erfordert. Wir müssen umgehen mit dem Gedanken „Es wird nie wieder so sein, wie es jetzt ist“, es kann schief gehen, aber die weitaus größere Chance ist die, daß es noch besser wird, als ich es mir am Anfang vorgestellt und dann gelegt habe. Sobald der erste Stein aus dem Gesamtbild genommen und in die Zementfläche gesetzt ist – sozusagen für immer – zerfällt auf der einen Seite das Geschaffene, während es auf der anderen Seite neu entsteht. Besondere Beachtung finden nun auch die Fugen, die Abstände zwischen den Steinen oder Stücken, die äußerst wichtig für das Gesamtbild sind, denn sie geben dem Ganzen den Zusammenhalt (Es ist sinnvoll, die wichtigsten Stücke so zu übertragen, daß die Komposition erhalten bleibt – und sich gleichzeitig einen Spielraum zu lassen, z.B. bei Flächen, die nur farbig ausgelegt werden und sich eine Auswahl passender Stücke und Alternativen vorher zurechtzulegen).

Es kann auch vorkommen, daß plötzlich Lücken entstehen, weil das Umsetzen in Zement viel dichter – konkreter und bewusster – ausgeführt wird und es keine Orientierung mehr gibt, weder bei dem altem, noch bei dem neuen Bild – aber diese Lücken müssen nun sinnvoll ausgefüllt werden, damit das Gesamtbild nicht verliert. Aber was zunächst wie ein „Verlust“ aussieht, wird letztlich Gewinn: Wir können auf unsere gerade geübten Fähigkeiten – Zusammenhänge finden, Übergänge schaffen etc. – vertrauen und die Lücken so füllen, als wären sie dafür geschaffen; das Bild gewinnt durch das – gezwungenermaßen – schnelle Entscheiden und Handeln.

Schauen wir dann „erschöpft“, aber mit dem Gefühl, Spannung und Anstrengung haben sich gelohnt, noch einmal auf das jetzt endgültige Werk, werden wir an einigen Stellen daran erinnert,

  • wo wir am Anfang standen, als alles noch möglich war, umgeben von einer unendlichen Vielfalt und wie wir mit jeder Entscheidung, mit jedem frei gewählten Stück unser Bild gestaltet und uns freiwillig in Begrenzungen begeben haben,
  • wie die Vorstellung zunächst war und was daraus geworden ist,
  • wo neue Ideen entsehen konnten, weil wir uns von liebgewordenen Stellen verabschiedet und Platz geschaffen haben,
  • wo es uns leicht fiel, das Material sprechen zu lassen oder wir mit unserem Gestaltungswillen zu kämpfen hatten.

Es bleiben Teile übrig, auch solche, die am Anfang wichtig waren, als Auslöser dienten – Ideen, die durch das Tun geboren wurden, aber sich in diesem Bild nicht verwirklichen ließen und nur darauf warten, ausgearbeitet zu werden und in neue Zusammenhänge zu kommen.